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Im Garten mit: Lutz Kosack („Die essbare Stadt“)

Dr. Lutz Kosack – Foto: Stadtverwaltung Andernach

Urban Agriculture, der Anbau von Nutzpflanzen in der Stadt ist derzeit weltweit ein Thema. Immer mehr Stadtgärtner wollen ihr eigenes Gemüse ziehen und Start-up-Unternehmen experimentieren damit, wie man Salat, Gurken und Co. auf Dächern und in Fabrik-Etagen kultivieren kann. Eine Vorreiterrolle in dieser Bewegung hat das kleine Städtchen Andernach am Rhein. Hier begann man 2010 unter dem Motto „Die essbare Stadt“ Gemüsebeete in öffentlichen Grünflächen anzulegen und Obstbäume zu pflanzen. Mitinitiator des Projektes war Dr. Lutz Kosack vom Amt für Stadtplanung. Er ist außerdem Dozent an der Universität Bonn im Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz.

Herr Kosack, das Projekt „Die essbare Stadt“ ist ja eine große Erfolgsstory. Hätten Sie damit gerechnet als es 2010 losging?

Kosack: Mit der Entwicklung, die dieses Projekt genommen hat, konnte sicher niemand rechnen. Bis vor acht Jahren sahen die öffentlichen Grünflächen in Andernach so aus wie überall sonst: Rasen und klassische Beetbepflanzung. Unsere Idee war es, Schluss mit dem Einheitsgrün zu machen, Nutzpflanzen wieder in die Stadt zu holen, sie in ihrer Unterschiedlichkeit darzustellen und Biodiversität für die Menschen erlebbar zu machen. Im ersten Jahr haben wir beispielsweise 101 verschiedene Tomatensorten angebaut. An der alten Schlossmauer wachsen heute Mispel, Granatapfel und mehr …und in den Beeten findet man Mangold oder Grünkohl – Gemüsesorten, die einen hohen Zierwert haben. Denn den Menschen ist wichtig, dass die Grünflächen der Stadt weiterhin schön aussehen. In jedem Jahr gibt es einen Themenschwerpunkt. Mal sind es Zwiebelgewächse, mal Bohnen oder auch Hopfen. So kehren in Andernach längst vergessene Sorten wieder zurück, zu deren Erhalt jeder etwas beitragen kann: Wir fordern die Bürger ja auf, sich Früchte und Samen der seltenen Sorten mitzunehmen und im eigenen Garten zu vermehren.

Andernach:„Die essbare Stadt“ – Foto: Stadtverwaltung Andernach

Um die Gärtnerarbeiten kümmerten sich von Beginn an nicht nur städtische Arbeiter, sondern auch Langzeitarbeitslose und Freiwillige. Natürlich gab es zunächst auch Skeptiker, die vor Vandalismus warnten. Aber statt „Betreten verboten“-Schilder aufzustellen, sagten wir einfach „Pflücken erlaubt“. Das kam bei den Bürgern gut an und weckte zusätzliches Interesse an dem Projekt. Neben der Gestaltung der Grünflächen haben wir in der Innenstadt von Andernach vor den Geschäften Pflanzkisten aufgestellt, die immer einen Bezug zu den umliegenden Geschäften haben: So gibt es vor dem griechischen Restaurant eine entsprechende Kräuterbepflanzung und vor dem Optiker werden Möhren kultiviert, weil die gut für die Augen sein sollen. Diese Pflanzkisten sind sehr beliebt und ihre Pflege wird von den Geschäftsleuten gern übernehmen. Die Menschen in Andernach identifizieren sich heute total mit dem Projekt „Die essbare Stadt“ und es spielt in vielen Bereichen des sozialen Miteinanders eine wichtige Rolle.

Aber nicht nur bei den Bewohnern von Andernach, auch darüber hinaus kam das Projekt gut an …

Kosack: Ja, das mediale Interesse war riesig. Es gab Beiträge im TV, in unzähligen Tageszeitungen, Magazinen wie „Spiegel“ oder Frauenzeitschriften wie „Brigitte“. Selbst das „Wallstreet Journal“ berichtete. Für das Stadtmarketing war das natürlich fantastisch. Wobei ich sagen muss, in manchen Beiträgen wurde etwas übertrieben: Es entstand der Eindruck, Andernach sei eine „Schlaraffenstadt“, in die jeder reisen könne, um dort sein gesamtes Gemüse zu ernten … Natürlich wurde Andernach in den letzten Jahren auch von vielen Interessenten und Gruppen besucht – allein 2017 gab es 170 Führungen. Die Menschen kommen nicht nur aus Deutschland. Es gab auch Delegationen aus Österreich, der Schweiz, den USA, Japan, Marokko, Australien, Kanada oder Japan. Und an 60 Universitäten wurden mittlerweile in verschiedenen Studiengängen Abschlussarbeiten über das Projekt geschrieben. Derzeit gibt es außerdem Überlegungen, zukünftig mit verschiedenen Städten in der Welt zusammenzuarbeiten, die ähnliche Projekte auf die Beine stellen möchten.

Andernach:„Die essbare Stadt“ – Foto: Stadtverwaltung Andernach

Wer Sie kennenlernt, merkt schnell, wie sehr Sie immer noch von dem Projekt „Die essbare Stadt“ begeistert sind und welche Freude Sie an der Vielfalt der Nutzpflanzen haben. Sind Sie privat auch ein begeisterter Gärtner?

Kosack: Im Prinzip ja. Umzugsbedingt ist es aber leider so, dass ich derzeit auf einen eigenen Garten verzichten muss. Doch wir sind auf der Suche nach einer neuen Wohnung – natürlich dann wieder mit Garten. Ein Stück Land hinterm Haus, auf dem ich selber pflanzen und ernten kann, bereichert mein Leben schon. Jetzt, wo ich darauf verzichten muss, merke ich besonders, wie wichtig das öffentliche Stadtgrün gerade für Menschen ist, die keinen eigenen Garten besitzen.

 

Weitere Informationen: andernach.de

 

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