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Urban Gardening: Aus Do-it-yourself wird Do-it-together

PrinzessinengĂ€rten in Berlin – Foto: Marco Clausen / Prinzessinnengarten

Vor sechs bis sieben Jahren raschelte es gehörig im BlĂ€tterwald. Urban Gardening war plötzlich das große grĂŒne Thema. Aktivisten, die BrachflĂ€chen oder ParkhausdĂ€cher in GĂ€rten verwandelten, um dort ihren eigenen Salat anbauten und HĂŒhner hielten, wurden zu Lieblingen der Medien. Nachdem das mediale Interesse mittlerweile etwas nachgelassen hat, wollten wir wissen, wie es heute mit der Lust der Menschen am gemeinschaftlichen GĂ€rtnern in den StĂ€dten aussieht. War es nur ein Modetrend oder entwickelt sich die Bewegung weiter?

Gesprochen haben wir mit Daniel Überall von der gemeinnĂŒtzigen Stiftung mit dem schönen Namen „anstiftung“. Diese fördert und erforscht „RĂ€ume und Netzwerke des Selbermachens“. Dazu gehören auch die Interkulturellen und Urbanen GĂ€rten. „Es mag sein, dass dem Thema medial nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie noch vor ein paar Jahren. TatsĂ€chlich ist es aber so, dass die Anzahl der Gartenprojekte in Deutschland kontinuierlich wĂ€chst“, sagt Überall. „Waren es vor sechs Jahren noch etwas 180, so haben wir heute ĂŒber 650 offene GemeinschaftsgĂ€rten. Nicht eingerechnet sind hier die vielen Schul- und FirmengĂ€rten, die es ja mittlerweile auch ĂŒberall gibt.“

PrinzessinengĂ€rten in Berlin – Foto: Marco Clausen / Prinzessinnengarten

Hauptstadt der Urban Gardening Bewegung ist Berlin. Über 100 Projekte werden dort derzeit gezĂ€hlt. Dabei entstand der erste deutsche Gemeinschaftsgarten des neuen Typs Mitte der 1990er Jahre in Göttingen und war eine Folge des Jugoslawienkrieges: Da bosnische Frauen in den Migrationszentren vor allem ihre GĂ€rten vermissten, stellte man ihnen AnbauflĂ€chen zur VerfĂŒgung. Das Besondere daran: Beim gemeinsamen Anbauen von GemĂŒse ging es nun auch darum, neue Formen der Beheimatung zu erproben und den Austausch von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftskulturen zu fördern. Neben solchen Interkulturellen GĂ€rten entstanden am Anfang des neuen Jahrhunderts in vielen StĂ€dten von Anwohnern betriebene Nachbarschafts- und KiezgĂ€rten, wie etwa der 2004 gegrĂŒndete Gemeinschaftsgarten „Rosa Rose“ in Berlin-Friedrichshain. Den Aktivisten ging es dabei vor allem um die Besetzung von ungenutzten FlĂ€chen, um sie den Menschen des nicht besonders grĂŒnen Stadtteils als Ort fĂŒr gemeinsames TĂ€tigsein zur VerfĂŒgung zu stellen. 2009 trat der „Prinzessinnengarten“ mit dem Prinzip des nomadischen GĂ€rtnerns in mobilen BehĂ€ltnissen auf die stĂ€dtische BĂŒhne. Der auf einer 6.000 Quadratmeter großen FlĂ€che in Berlin-Kreuzberger angelegte Garten erhielt große mediale Aufmerksamkeit.

Maßgeblich verantwortlich fĂŒr die Faszination, die der Ort bei vielen Besucher auslöste, war die Ästhetik des Unfertigen, die nicht zuletzt durch Re-Use und Upcycling gebrauchter GegenstĂ€nde wie BĂ€ckerkisten, Industrieplanen oder Europaletten entstand. „Bei unserer Arbeit in der Stiftung haben wir die Interkulturellen und die Urbanen GĂ€rten lange unterschieden, denn sie kommen aus ganz unterschiedlichen Entwicklungen“, erlĂ€utert Überall. „Seit etwa 2015 zeigen sich aber immer mehr Schnittmengen. Durch die gestiegenen FlĂŒchtlingszahlen gibt es heute kaum ein Gartenprojekt, das sich nicht mit den Themen Heimatverlust, Zuzug, und Integration auseinandersetzt. Dieser Entwicklung haben wir Rechnung getragen und 2017 erstmals die jĂ€hrlich von uns organisierten Netzwerktreffen ‚Urban-Gardening-Sommercamp‘ und die ‚Netzwerktagung der Interkulturellen GĂ€rten‘ zusammengelegt.“

PrinzessinengĂ€rten in Berlin – Foto: Marco Clausen / Prinzessinnengarten

Urbane Gartenprojekte haben heute viele Namen und unterschiedliche Formen. Gemein ist den meisten, dass hier die Do-it-yourself-Idee zu einem Do-it-together wird: Man pflanzt GemĂŒse gemeinsam an, kocht zusammen, baut aus Containern Gartenbars, hĂ€lt HĂŒhner und Bienen, repariert defektes GartengerĂ€t 
 „Viele Gruppen beschĂ€ftigen sich auch sehr intensiv mit Themen wie Stadtökologie und Stadtplanung“, so Überall. „Gerade auf lokaler Ebene sind sie politisch aktiv und versuchen sich in Planungsprozesse einzuklinken. Ziel ist eine umwelt- und menschengerechte Stadt, in der jeder kostenlos Zugang zu GrĂŒnflĂ€chen hat.“ Die anstiftung berĂ€t Initiativen und Organisationen, aber auch Kommunen, zu Fragen rund um Aufbau, GrĂŒndung und Weiterentwicklung eines Interkulturellen Gartens oder Gemeinschaftsgartens. Im bundesweiten „Beratungsnetz urbane GemeinschaftsgĂ€rten“ arbeitet die Stiftung mit common grounds e.V. sowie mit Experten bestehender Gartenprojekte eng zusammen.

Spannend ist, dass sich durch die Themen der Urban Gardening Bewegung in den letzten Jahren auch in vielen HausgĂ€rten einiges geĂ€ndert hat. Es wird plötzlich wieder mehr Obst und GemĂŒse angebaut, selbst fĂŒr Balkon und Terrasse haben Hochbeete Hochkonjunktur, DIY ist gefragt und im Buchhandel dĂŒrfen im Regal der GartenbĂŒcher die Ratgeber zur HĂŒhnerhaltung und zur Imkerei nicht fehlen.

 

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